Silberlinie





Die Tagebuchaufzeichnungen

Mit dem Schreiben der Tagebuchaufzeichnungen
vollzieht sich ein Akt der Zeit Aneignung. Über die Jahre hinweg entstehen Kapitel, die Fortschritt oder auch Kontinuität zeigen. Das Tagebuch ist mein Instrument der Präzision: Wahrnehmung, der Alltag und das Denken erhalten eine feste Form. Das Schreiben bedeutet mir in diesem Sinn Orientierung im eigenen Leben. Ich versuche meine Gegenwart zu ordnen, statt sie zu verbrauchen. Mit dem Wunsch nach Klarheit und Weitsicht. Das Tagebuch hilft mir dabei, den Anspruch einer kritischen Selbstverortung zu erfüllen.







Tagebuchaufzeichnungen Teil 1

Und so weiter, und so weiter. Die Aufzeichnungen laufen aus. Ob sie in neuer Form weitergeführt werden, bleibt offen. Ein neues Dokument ist vorgesehen, vielleicht, vielleicht auch nicht. Eine interne Erinnerung bleibt bestehen, etwas Organisatorisches, das noch erledigt werden soll.Die Variationen der HP-Porträtfotos sind abgeschlossen. Die Website ist aktualisiert. Ein älterer Text dient als Vorlage für die Porträt-Indexseite. Ein digitales Hilfsmittel unterstützt dabei. Nebenher laufen Vorträge, Gedankenstimmen, bekannte philosophische Stimmen.

Der Jahreswechsel findet im Haus statt. Draußen knallt es. Ein Gruß ins neue Jahr. Dieses Tagebuch endet hier. Ein neues wird angelegt. Ein Abschied, ohne Pathos.Eine unterstützende Person erscheint wegen der Haushaltshilfe. Groß, schmal, mittleren Alters, tiefe Stimme, ordentlich gekleidet. Es geht um organisatorische Abläufe, um Unterstützung im Alltag. Die Verständigung erfolgt auf Englisch. Die Person kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ist viel unterwegs, hat bereits viele Einsätze hinter sich. Sie hilft alten Menschen bei allem, was nötig ist. HP ist beeindruckt. Als es an der Tür klopft, ist HP gerade dabei, sich für einen Einkauf winterfest anzuziehen. Das muss warten. Die Organisation erweist sich als nicht trivial. Details sind wichtig. Die Wohnung wird gezeigt, Abläufe erklärt. Danach geht die Person wieder, und HP kann den eigenen Tagesplan fortsetzen. Geldbörse prüfen. Genug Bargeld. Geldbörse in die rechte Jackentasche, das Handy in die linke.

Das E-Bike steht aufgeladen im Wintergarten. Ziel ist ein Ort in der Nähe. Zuerst Klarsichthüllen besorgen, dann weiter zum Lebensmittelmarkt. Immer wieder die gefütterten Fausthandschuhe an und ausziehen, selbst für kurze Strecken, bei niedriger Temperatur. Im Markt sprechen drei Frauen am Nachbartisch über Krankheiten, über Medikamente, über alte Menschen, die geweckt werden müssen, um Tabletten einzunehmen. HP hört zu. Das passt zu den eigenen Anträgen. Die Kontrolle des Medikamentenverbrauchs soll als Grund für die Haushaltshilfe geltend gemacht werden. Ein Schreiben soll das bestätigen.

Nach Kaffee und Kuchen geht es zurück. Die Wege sind nass und rutschig. An einer Kreuzung wird HP angehupt. Vielleicht nicht ganz regelkonform abgebogen. Zurück in der Wohnung werden Jacke und Kleidung abgelegt, Einkäufe verräumt, der Schreibtisch aufgesucht. Videos zu eigenen Interessen laufen. Draußen stehen zwei ausrangierte Bilderrahmen und ein alter Kalender vor der Tür. Eine eigenartige Geste. HP ist müde von solchen Späßen. Die Idee entsteht, eines der neuen KI-Bilder, in eine Klarsichthülle gelegt und mit einem kurzen, deutlichen Text versehen, vor einen anderen Hauseingang zu legen. Eine stille Antwort... Die Arbeit an der Website geht weiter. Ein älteres, aber vertrautes Programm wird benutzt. Alle Bilder, die im aktuellen Projekt zusammen mit einer KI entstehen, werden dort gesammelt. Sie werden HP-Porträts genannt. Uploads erfolgen sporadisch. In der vergangenen Nacht verweigert die KI die weitere Arbeit.

Dreiundvierzig Variationen sind bereits erzeugt, manche mehrfach wiederholt, weil die Ergebnisse nicht zufriedenstellen. Dann eine Meldung: Heute keine weiteren Bilder möglich. Hallo? Es gibt also eine Nutzungsgrenze. Die Arbeit wird vertagt.Ein weiterer Tag. Videos laufen im Hintergrund, zu Bewusstsein, Kosmos, fremden Erinnerungen, politischer Analyse. Draußen Bewegung. Eine große Runde mit dem Fahrrad. Mehrere Orte, vertraute Strecken. Viele Autos auf Parkplätzen. Menschen erholen sich vom Fest. In einem Café wird Kaffee und Kuchen bestellt. Das Fahrrad steht draußen vor der Scheibe. HP sitzt auf einem Barhocker.

Menschen sitzen verstreut. Draußen sitzen einige trotz Kälte. Sie verabschieden sich später herzlich. Bezahlt wird bar. Der Kuchen war nur so lala. Die Chefin stimmt zu. Zwei Cent fehlen, das ist egal. Die Handschuhe liegen währenddessen auf der Theke. Vielleicht sind zusätzliche Fingerhandschuhe unter den Fausthandschuhen sinnvoll.Auf dem Rückweg fährt ein Mann auf dem Fahrrad vorbei, der um Kleingeld bittet. Er grüßt. Der Rückweg führt über eine ruhigere Strecke. Pfauen stehen auf dem Weg. Sie weichen nicht aus. Sie wissen, dass man sie respektiert. HP ist froh, wieder im Warmen zu sein. Das Fahrrad wird geladen. Kleidung wird gewechselt.

Eine Apfelsine mit Flakes, Saft und Zucker. Milch fehlt, steht auf der Liste. Die Arbeit am Porträtprojekt geht weiter. Figuren werden ausgewählt, geordnet, typisiert. Kosmische Gestalten, Lehrerfiguren, Trickster, Ahnen. Dreiundvierzig stehen zur Auswahl. Vielleicht vierzehn davon weiterverfolgen. Fragen tauchen auf. Wann die Umschläge mit Porträts verteilt werden. Ob das Abendessen gelingt. Ein gedanklicher Abzweig. Die Sonne als Lebensspender. Maßstab, Projektion, Mathematik. Zahlen, Flächen, Relationen. Der Hinweis bleibt: Geometrie ist nicht Energie. Noch eine Radtour. Einkaufen. Bargeld reicht nicht ganz. Teilweise bar, teilweise Karte.

Zurück zur Tasche. Kälte. Bäckerei. Kaffee und ein belegtes Brötchen. Menschen sitzen, lesen, warten. Es schmeckt. Danach Geld holen. Ein weiteres Geschäft. Küchentücher fehlen, dafür eine auffällige Sonnenbrille. Draußen steht wieder der Mann mit der immer gleichen Frage. Das Geschäft läuft schlecht. Zurück zum Lebensmittelmarkt. Süßes wird gekauft. Noch ein Kaffee. Die Hälfte wird mitgenommen. Die Sonnenbrille ist zu auffällig. Ein Schriftzug wird mit einer kleinen Säge entfernt. Geschliffen.

Der Schriftzug wird später sichtbar im Wintergarten angebracht. Geteilte Verwendung ist doppelte Verwendung. Ein Telefonat. Eine bekannte Person ruft an. Small Talk. HP ist in Arbeit. Das Interesse ist einseitig. Es geht um Reisen, Umstiege, Kälte an Haltestellen. Fragen zur KI-Arbeit werden wiederholt gestellt. HP bleibt bei klaren Antworten. Das Gespräch endet gereizt. HP ist verstört. Eine KI ordnet das Geschehen ein. Es geht um Erwartungen, um Macht, um das Bedürfnis, gehört zu werden. Rückzug wird als Selbstschutz benannt.